Previously on „PC Gaming“

Im zarten Alter von 10+n, wobei „n“ irgendwas kleiner Fünf sein müsste, veränderte sich mein Leben radikal. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich der Realität nur auf einer Fläche von 166×144 Bildpunkten bei 4 Graustufen entflohen – getrieben von vier AA-Batterien. Die gelegentliche Ausflüge durch den Disketten-Dschungel eines ebenfalls ansässigen „Brotkasten-64“ zähle ich jetzt nicht mit – sie versackten zu oft in kompletten Wasserpistolschlachten vor dem Haus, die man mit den Nachbarskindern in epischer Breite ausfechten konnte, bis dieses „Skate Or Die“ mal geladen war. Dort musste ich mich eher „in“ die Realität flüchten.

An einem dieser Tage, an denen man Kindern haufenweise bunt-verpackten Krims schenkt, um einerseits zu feiern, dass mal wieder ein Jahr rum ist und sie gleichzeitig für das folgende ruhig zu stellen, begab es sich, dass die Realitätsflucht fortan mit bis bis zu 1024×768 Bildpunkten bei verschwenderischen 16,7 Mio. Farben stattfinden konnte – jedenfalls theoretisch. Praktisch waren damalige Spiele völlig damit überfordert, diese Menge an Pixeln aus der Hardware rauszukitzeln. Diese „Hardware“ war mein erster, eigener PC. Dank überragender, kindlicher Argumentationskunst der Marke „Damit-kann-man-ja-auch-gut-Hausaufgaben-machen™“, stand ein nagelneuer „468 DX/2 66“ der Ausführung „Geschnittene Kante“ nur zwei Räume weiter. Innerhalb des Kinderzimmers wäre ja auch töricht gewesen. Es folgte „PC Gaming Teil 1“. Bei knackscharfen 320×200 VGA-Klötzen wurden Horden von Aliens aus der Hölle über den Jordan geschickt, die Weltraumkatzen in ihre Schranken verwiesen, Geheimaufträge für den Imperator beim Kuttenträger entgegengenommen, die Rätsel von Atlantis gelöst und des Wüstenplanetens reiche Bodenschätze „rausgestaubsaugert“. Ich lernte, dass das kleine Flugfeld am Lake Michigan den Namen „Meigs“ trägt und dass man Joysticks alle fünf Minuten neu kalibrieren muss. Kurz: Es war toll!

Was nahm ich nicht alles in Kauf. Jedes Mal wenn der „UniVBE-Treiber“ frei drehte und sich gemeinsam mit „DOS4GW“ weigerte das anzuzeigen, was ich gerade gerne zerstören wollte, musste die komische No-Name-Grafikkarte gegen eine „Cirrus Logic“ mit immerhin 1MB Videospeicher ausgetauscht werden. Wollte ich also nach zwei Stunden rumballern in „Cybermage“ meine Runden auf dem Nürburgring bei „Grand Prix 2“ drehen, wurde der Schraubenzieher gezückt und das „Mistdingen“ aus- und nach dem Rennwochenende auch wieder eingebaut. „Querrüsten“ würde man das vermutlich nennen.

Als mir dann die Realität aber immer häufiger in den Nacken sprang und ich lernte, dass das da auch noch das Wort „Aufrüsten“ existierte, wechselte ich mit der ersten PlayStation ins Konsolen- und mit der Gesinnung ins Ignoratenlager. „3Dfx“? Humbug! Sieht doch auf der „PS“ genau so aus und ein „X“ hatten sie sich auch dort hinten dran gedichtet!

Ok, neben „Aufrüsten“ lernte ich später, im Keller eines Freundes, beim Spielen einer aufgebohrten Version von „Tomb Raider“, noch ein Wort: „Bilineares Filtering“ – Hallo „3Dfx“!

Mit spärlichem Taschengeld wurde sich eine „Diamond Monster 3D II“ vom YPS-Hefte-Budget abgespart. „PC Gaming II: The Return“ konnte beginnen – es war der längste und beste Teil. Er führte mich in die engen Gängen des Planeten „Stroggos“, die heimeligen Höhlen und Tempel auf „Pa Nali“ und auf die verlassenen Rennstrecken von „Io“. Ich kämpfte mich durch unzählige Arenen der „Liandri Corporation“, hauchte Gunter Hermann ein schicksalsschwangeres „Laputan Machine“ entgegen und lernte, dass „Mirrors“ mehr Spaß machen als „Television“. Während sich der Satz „Hast du mein Journal gesehen?“ in meine Netzhaut brannte, warf ich dem dunklen Wanderer seine Seelensteine Richtung Osten hinterher und war mir sicher, dass alles besser werden würde, hätte ich doch nur genug Vespingas.

Leider reichte Letzteres auch in Liaison mit Tiberium nicht aus, um den wahren Endgegner eines jeden Gamers zu bezwingen: den „Ober-Raid-Boss“ „Windows“ und seine zahlreichen „Adds“ – die „DLLs“. Nicht einmal zwei PvP-Charaktere mit Rang 10 konnten die durchschmorende Grafikkarte in Schach halten und dabei war es doch schon eine GeForce 4. Der Gott des Aufrüstens hatte mir diese für die Opfer ihrer Vorgänger gewährt. Doch es sollte wohl nicht sein. Nach diesem Niedergang und einer Woche im „10-FPS-Land“ begehrten auch die Soundchips auf. Sie ließen sich von nun an nicht mal mit vorgehaltenem Lötkolben überreden, 5.1-Sound auszugeben. Schließlich führte es zum typischen Ende eines jeden zweiten Teils: dem unausweichlichen Cliffhanger.
MMO-Charaktere darbten dahin, Kulturen stürzten in sich zusammen und schätzungsweise 234 verschiedene Auslegungen des Planeten „Erde“ wurden in meiner Abwesenheit von mindestens genau so vielen, namenlosen Schrecken verwüstet.

Ein dritter Teil ward lange nicht gesehen. Der Glaube in die Hardware verdorrte, der Aufrüstgott wand sich vor Gram!

Stattdessen hielt sich die geflickte Hardware mit Spin-Offs wie „Die unsagbaren Abenteuer eines Mauszeigers in Adobe-Land“ über Wasser. Die Meisterwerke wurden nun woanders aufgeführt, drüben, auf den Bühnen der Dreifaltigkeit aus aktueller Konsolengeneration.

Doch irgendetwas fehlte … Fünf lange Jahre des Leugnens und Zweifelns vergingen.

(… to be continued)

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